Alles neu macht der Mai?


„… das muss reichen, um zufrieden etwas ruhigeren Zeiten in Denkyemuoso entgegenzustreben.“ Hab ich am Ende des letzten Reiseberichts geschrieben. Das „ruhig“ möchte ich im Folgenden nun gerne ein wenig relativieren.

Vorab allerdings eine kurze Frage: Ist es seit Samstag moralisch verwerflich, zum Wäschewaschen Blues Brothers zu hören?

Womit schon einmal die beiden männlichsten Dinge genannt wären, mit denen ich mir hier so die Zeit vertreib: Fußballschauen und Wäschewaschen. Während ich zu ersterem im Moment besser Stillschweigen bewahre, muss ich zum Waschen sagen, das ist ab und zu echt richtig angenehm, sich einfach mal hinzusetzen, bissl Musik zu hören und Kleidung und Gedanken in Ordnung zu bringen.

Die Vormittage verbringe ich seit einiger Zeit vor allem damit, im Kindergarteninnenhof das Alphabet mit passenden Symbolen an die Wand zu malen (von A wie „antelope“ bis Z wie „zebra“). Lisa hat schon einen Gruppenraum gestaltet und sieht richtig super aus, also ich schau, dass ich mich da ranhalten kann. Aber macht echt Spaß, sich so in seine eigene Welt zu malen, während ein Haufen kleiner Kinder fröhlich um einen herumhüpft. Und je mehr die Sache Form annimmt, desto einfacher gehts dann auch ans Werk.

Zum Unterricht in der Grundschule kann ich immer noch nicht so wirklich ein Zwischenfazit bilden. Mal klappts echt gut, die Kinder passen auf und die Übungsaufgaben werden recht ordentlich bearbeitet, aber am nächsten Tag kommt dann wieder kaum einer bei einfachsten Sachen mit und auch nach zehn Beispielaufgaben kann keiner fehlerfrei drei Übungen abliefern (sechste Klasse, müsste man doch 140 durch 7 im Kopf rechnen können oder nicht?). Zwei, drei Schüler, der Größe nach schon zweimal durchgefallen, bleiben in der Regel an vier von fünf Tagen lieber zuhause und die Lehrerin weiß auch kein anderes Mittel, als bei den Kandidaten dann für ein falsch buchstabiertes Wort den Stock besonders motiviert sausen zu lassen. Ich selber hab bis jetzt leider auch keine Idee, was man bei solchen Problemfällen machen könnte, die kaum ein Wort Englisch von mir verstehen.

Der Deutschunterricht gestaltet sich munter, die eine Klasse wollte gestern unbedingt die deutsche Nationalhymne lernen (kann ja nicht schaden für die EM) und in der anderen Klasse durfte ich vor kurzem einen neuen Positivrekord von sieben anwesenden Schüler feiern.

Auf der Suche nach passenden Studiengängen hab ich die letzten Wochen so viel Zeit im Internetcafé verbracht, dass die zwei sehr netten Betreiber mir gleich ein Jobangebot gemacht haben. Sie wüssten zwar selbst nicht genau, wie ich ihnen helfen könnte, aber sie würden sich auf jeden Fall freuen :) Klingt ganz interessant …

Was gibts sonst noch zu erwähnen: Ich war in Bonwire, einem kleinen Dorf, das für die Herstellung von traditionellen Kente-Stoffen bekannt ist, und hab mich am Muttertag mal ganz intensiv Kumasi gewidmet. Okomfo-Anokye-Schwert, National Cultural Centre mit sehr interessantem Museum, Stadtzentrum Adum und sämtliche Denkmäler und Statuen. Skurrile Geschichten, die die Ashanti-Kultur zum Teil so liefert – genannt sei ein so langsam verrottendes Bündel aus Elefantenleder, von dem keiner weiß, was drin ist, weil es der Sage nach nicht geöffnet werden darf. Fand ich echt spannend, so über die Traditionen, Erzählungen und Bräuche zu lernen, und ich bekomm mittlerweile auch richtig Lust, was schönes Kulturwissenschaftlich-Gestalterisches zu studieren, wenn ich nur wüsste, was genau. Vermutlich aber eher nichts mit Musik und Film: Hab letztens mit den Schülern hier ein kleines Tanz- und Musikvideo gedreht, und auch wenn ich nur hinter der Kamera stand, bezweifle ich doch sehr, dass sie damit wie erhofft in Europa den großen Durchbruch schaffen …

Zwei Tage innerhalb der letzten Wochen möchte ich noch besonders herausheben, was sich jetzt wohl ein wenig hinziehen wird.

Der erste sah so aus, dass ich erstmal mein Zimmer aufgeräumt hab und dabei schon ständig in irgendwelchen Mitbringseln, Karten und sonst was aus Friedberg und der Heimat hängen geblieben bin. Ich fand solche Tage in Deutschland schon immer seltsam irgendwie, stundenlang in alten und neueren Erinnerungen zu schwelgen und dann plötzlich wieder zurück ins Leben aufzuwachen – aber das Ganze dann noch hier in Ghana. Dann hab ich zu allem Überfluss auch noch in der Schulbücherei rumgestöbert und dort unser altes ‚Green Line New‘-Englischbuch aus der sechsten Klasse gefunden. Passiert mir sonst ja nie, aber dazu muss ich jetzt doch eher Sentimentalitäten als den großen Matze raushängen lassen. Nochmal „Robin Hood and the silver arrow“ durchzulesen, mehr als sieben Jahre später und nun nicht mehr als kleiner (süßer?) Schüler, sondern als Lehrer einer sechsten Klasse weit weg in einem Land, das damals für mich wohl nur ein kleiner, unscheinbarer Ort im Atlas war. An alte Zeiten und Geschichten von und mit Mark Penrose, Becky Burton und Nottingham Kaschtl zurückzudenken, an Nachmittage, die man brav mit Vokabelschreiben und glücklich mit Räuber-und-Gendarm-Spielen verbracht hat, und sich bewusst zu machen, was für eine schöne Schulzeit und Kindheit man doch hatte. Sich gleichzeitig die Gegenwart und Zukunft vor Augen zu halten, ein einziges riesiges Erlebnis und Abenteuer mitten in Afrika. Eine Mischung aus Dankbarkeit, Zufriedenheit, ein bisschen Heimweh und einer Prise Stolz.

Der zweite der erwähnten Tage war der letzte Sonntag. Schon der Abend zuvor hatte ja wenig Anlass zu Freudentänzen geboten (auch wenn die meisten Ghanaer in dieser Hinsicht anderer Meinung waren), aber – Stichwort: „Lebbe geht weider“ – alles halb so wild. Bewegender war dagegen, in einem sehr ergreifenden Buch zu lesen, das ich beim Aufräumen in meinem Zimmer entdeckt hatte. Arundhati Roy, Die Politik der Macht. Die indische Autorin beschreibt darin unter anderem, wie in ihrer Heimat durch riesige Dämme Natur und Ökosysteme unwiederbringlich zerstört und Millionen Menschen vertrieben und heimatlos gemacht wurden. Auch die wenig glanzvolle Rolle von Weltbank, indischem Staat und internationalen Entwicklungsorganisationen wird dabei nicht ausgespart:

„Ich stand auf einem Hügel und lachte laut. Ich hatte mit dem Schiff von Jalsindhi über die Narmada gesetzt und war die Anhöhe am anderen Ufer hinaufgestiegen. Von dort sah ich, verteilt über die Kuppen niedriger, kahler Hügel, die Adivasi-Stammesdörfer Sikka, Surung, Neemgavan und Domkhedi. Ich sah die luftigen, zerbrechlichen Häuser, die Äcker und Wälder dahinter, die kleinen Kinder, die mit noch kleineren Ziegen durch die Landschaft sausten wie motorisierte Erdnüsse. Ich wusste, die Kultur, die ich vor mir sah, war älter als der Hinduismus – und dazu verurteilt (mit dem Segen des Obersten Gerichts im Lande), während des nächsten Monsuns im steigenden Wasser des Sardar-Sarovar-Stausees unterzugehen.

Warum lachte ich? Weil mir plötzlich einfiel, wie väterlich besorgt die Richter des Obersten Gerichtshofes in Delhi sich (bevor sie den gerichtlich verfügten Baustopp am Sardar-Sarovar Staudamm aufhoben) danach erkundigt hatten, ob für die Kinder der Adivasi, der indischen Ureinwohner, in den Umsiedlungsdörfern auch Spielplätze vorgesehen seien. Die Anwälte der Regierung hatten sich beeilt zu versichern, dass dem so sei und dass es auf allen Spielplätzen Wippen, Rutschen und Schaukeln gebe. Ich sah zum endlosen Himmel auf und hinunter zum dahinströmenden Fluss, und einen kurzen, ganz kurzen Augenblick lang verkehrte die Absurdität des Ganzen meine Wut ins Gegenteil, und ich lachte. Ich wollte niemandes Gefühle verletzen.“

Warum ich das alles so ausführlich in meinen Blog schreibe? Weil ich mich in dem Moment daran erinnert habe, wie ich in Bui während des Sonnenuntergangs auf dem Hügel stand und über den Park blickte. Ich hatte damals kaum an den Damm gedacht, der dort gerade gebaut wird und nach seiner Fertigstellung zwar keine Menschen, aber die dort lebenden Nilpferde und anderen Tiere vertreiben wird. Der Damm hilft ganz Ghana, hatte es geheißen. Was wird er wirklich bringen, wem bringt er was? Sicher dem chinesischen Unternehmen, das für den Bau zuständig ist. Was zerstört er, wem schadet er? Wie sieht es tatsächlich aus mit der Entwicklung in Ghana, in Afrika, in der Welt? „Die Entwicklungshilfe ist ein paternalistisches Unternehmen. Wie seinerzeit der Kolonialismus. Sie hat den größten Teil Afrikas zerstört. Bangladesch ächzt unter der Last ihrer Gaben.“, schreibt Arundhati Roy. Der Leser bewegt sich auf elementare Fragestellungen zu: Was geht eigentlich vor in unserer Welt? Was ist gut, was ist schlecht? In Indien zwingen Globalisierung und Fortschritt Menschen dazu, ihre Heimat, Kultur und Identität aufzugeben. In Ghana machen es manche freiwillig, weil ihnen von Anfang an beigebracht wird, dass alles andere besser ist als das eigene. Auf einem Flachbildfernseher englische Premier League anzuschauen, das höchste der Gefühle. Auch wenn man selbst nur davon träumen kann, das Land tatsächlich einmal zu besuchen. Ist das der neue Wohlstand, den die Globalisierung überall auf der Welt verbreitet hat? Der selbsternannte Touristenführer schraubt schon mal die Eintrittspreise nach oben, damit er sich zum Frühstück in Zukunft auch importierte Marmelade leisten kann. Selbst tief in der Savanne heißt der Traumberuf auf einmal ‚Businessman‘ – mit Altkleiderspenden aus Europa lässt sich schließlich gutes Geld verdienen.

Müssen alle Bewohner unserer Erde Englisch sprechen und einen Computer bedienen können? Was ist es wirklich, was ich hier in Ghana in meinem Umfeld bewirke und verändere? Ghana ist nicht Indien, ich weiß. Hier würde kaum jemand behaupten, dass sich das Land gerade in einer negativen Entwicklung befindet – im Gegenteil. Dürfen wir also hoffen, dass zumindest dieses Fleckchen Afrikas einmal an „unsere“ Standards heranreicht und die Menschen glücklich damit sind? Ein modernes, gebildetes Volk, das zu seiner Heimat und Kultur steht?

Mit diesem Gedanken habe ich das Buch wie ein Denkarium zur Seite geschoben und war froh, dass der ghanaische Alltag mich gut gelaunt zurück empfangen hat. Was bleibt als Erkenntnis? Nicht alles, was rund ist, sich dreht und unser Leben bestimmt, ist ein Fußball. So verrückt es auch klingen mag ;)

Morgen macht die GGS einen Ausflug nach Accra, unter anderem soll das Regierungsviertel, die Börse und die Shopping Mall besichtigt werden, und da Freitag Africa-Unity-Feiertag ist, werde ich das Wochenende wohl in der Hauptstadt verbringen. Also purer Genuss mal wieder :)

Liebe Grüße ins wärmer werdende Deutschland, bei uns hat mittlerweile die Regenzeit begonnen …

Matze

Kindergarten Denchemouso: Neues im Mai – Kinderbilder


Unsere Praktikanten Lisa und Matthias gemeinsam mit den Kindern die Wände des Kindergartens in Denchemouso neu gestaltet. Eine tolle Arbeit und ein gelungenes Projekt

 

 

 

 

 

Einmal Ghana mit allem, bitte!


Ein herzliches Grüß Gott mal wieder nach Deutschland! Wie der eifrige Blogleser sicherlich festgestellt hat, hab ich ja länger nix mehr von mir hören lassen. Dieser bedauernswerte Umstand lässt sich jedoch dadurch erklären, dass Schulferien waren und ich so in allerlei abstrusen Ecken Ghanas mein Unwesen treiben konnte. Dazu vorab ein kurzer Überblick:

Reiseroute: Bole, Wechiau, Wa, Tumu, Gwollu, Gbele, Wenchi, Sunyani, Kumasi, Akim Oda, Winneba, Apam, Mankessim

Nördlichster Punkt: Gwollu, kurz vor der Grenze zu Burkina Faso

Südlichster Punkt: Mankessim, ein Stück östlich von Cape Coast

Transportmittel: Trotro, Taxi, Bus, Lkw, Kleintransporter, Jeep, Motorrad, Fahrrad, Kanu

Sprachen: Twi, Dagaare, Fante, Englisch, Deutsch, Finnisch

Tiere: Ziegen, Schafe, Kühe, Schweine, Esel, Hunde, Katzen, Federvieh, Nilpferde, Krokodile, Affen, Steppenwild, Buschratten, Eidechsen und allerlei Insekten

Fazit: Super Einblick in Land, Leute und Kultur Ghanas

 

Keine Angst, für den erlauchten Kreis derer, die es noch genauer interessiert, werde ich das Ganze natürlich auch wieder in gewohnt ausschweifendem Umfang darlegen:

Los gings am Donnerstag vor zwei Wochen, wo ich mit Peter die meiste Zeit im Fahrtwind diverser Ladeflächen Richtung Norden gestartet bin. Auf halber Strecke in Wenchi hats dann allerdings richtig heftig zu schütten angefangen, dass fast kein Verkehr mehr möglich war, und so sind wir den Tag nur noch bis Bole gekommen, ein kleiner Ort mit einer sehenswerten alten Moschee. Mein Plan war eigentlich, die Woche irgendwie Mole, Wa, Bolgatanga und Tamale zu machen, aber ich hab recht schnell gemerkt, dass der beste Reiseplan hier in Ghana ist, keinen Plan zu haben. In der Früh bzw. Sehr-Früh, um halb vier „morgens“, wollten wir nämlich den einzigen Bus von Bole nach Mole nehmen, aber dann war leider aufgrund des Regens die Straße unpassierbar und die Fahrt abgesagt worden.

So sind wir stattdessen, begleitet vom Sonnenaufgang, nach Wa gefahren und von dort ins sogenannte Wechiau Community Hippo Sanctuary. Feine Sache, das ist ein Projekt von der Dorfgemeinde mit verschiedenen Aktivitäten rund um die Nilpferde im Schwarzen Volta und die Einnahmen werden zugunsten der Ortsentwicklung verwendet, hat auch schon mehrere Tourismuspreise bekommen. Zunächst mal konnte man für die letzten 19 km hin zum Camp Fahrräder mieten, was zwar alles andere als schweißfrei war (der Gerät lässt grüßen), aber so durch die Savanne zu radeln, war schon ein tolles Gefühl – und tat gut, wenigstens mal wieder selbst einen Lenker in der Hand zu haben, das Autofahren in Deutschland vermiss ich schon ein bisschen. Dann ist allerdings mein Reifen geplatzt und wir mussten warten, bis der Guide (auf seinem Motorrad :) ) ein Ersatzfahrrad gebracht hat – was nicht weiter nennenswert gewesen wäre, wenn einem nicht tausende kleine Fliegen in Mund, Ohren, Nase und sonstwo hingeflogen wären. So haben wir kurzerhand mein Moskitonetz am nächsten Baum aufgehängt, mussten dann aber feststellen, dass die Maschen nicht eng genug für die Fliegen waren. Dumm gelaufen :D

Der Abend im Camp war dafür sehr erholsam, zunächst noch zu den Fischern am Fluss geradelt und dann geduscht, das heißt, Wasser vom Brunnen geholt und rein in die Duschkabine: drei schulterhohe Lehmwände mit Blick in die Savanne, richtig geil. Am nächsten Morgen hieß es Kanusafari: Wir haben zwar leider nur ein Nilpferd als kurz auftauchenden schwarzen Punkt gesehen, waren dafür aber zwei Minuten lang in Burkina Faso, da wir kurz am anderen Ufer ausgestiegen sind und der Volta dort die Grenze bildet.

Anschließend ging es wieder zurück nach Wa, wo wir noch andere Volunteers zum Teil aus Kumasi getroffen haben. Sind einfach überall, diese Obrunis ;) Danach musste Peter wieder zurück nach Kumasi und ich hab mich entschieden, nicht wie der letzte Pauschaltourist weiterzuhetzen, sondern lieber einen kleinen Intensivkurs Upper West einzulegen, nachdem mein Reiseführer (der übrigens wirklich super ist) die Region sehr vielversprechend beschrieben hatte:

„The most remote and little-visited of Ghana’s administrative regions, the Upper West boasts little in the way of formal tourist development, though in the right frame of mind this absence is amply compensated for by a timeless frontier atmosphere and deep sense of removal from the rest of modern Ghana.”

In der Tat, es war eine absolut spannende Zeit dort, geprägt von Natur, Kultur und Tradition. Trotrofahrten durch scheinbar endlose Savannenlandschaften. Vereinzelt kleine Dörfer, in denen die Frauen noch Wasser vom Brunnen holen, die Männer ursprüngliches Handwerk betreiben und Jung und Alt unterm Mangobaum zusammensitzt. Einige Lehmhütten, die sich bescheiden um die Moschee gruppieren. Kaum Verkehr, ein paar Motorräder und Eselfuhrwerke. Sengende Hitze, wenn man sich nicht gerade im staubigen Fahrtwind fröhlich zusammengequetscht auf irgendwelchen Pickup-Ladeflächen befindet. Langbärtige Muslime in traditionellen Gewändern, die einem freundlich zunicken. Ein krähender Hahn zum Gesang des Muhidzins, ein paar spielende Kinder. Alles in allem ein beschaulicher und sanfter Gang der Dinge – ein Stückchen näher an Deutschland, und doch weit, weit weg.

Ich hab mir zunächst mal Wa angeschaut, die Hauptstadt Upper Wests, in der es vor allem bedeutende alte Lehmgebäude und Moscheen zu sehen gab. War auch mal interessant, weil die Stadt so insgesamt schon einen richtig arabischen Eindruck gemacht hat. Und ich muss sagen, ich empfinde den Islam hier richtig angenehm, die Muslime sind freundlich, bescheiden, nehmen ihren Glauben ernst, aber tragen ihn nicht so aggressiv nach außen wie mancherorts in arabischen Ländern. Dagegen macht das Christentum im Süden zum Teil einen ziemlich künstlichen und kitschigen Eindruck auf mich, mit großen Jesus-liebt-mich-Sprüchen überall, glitzernden Plastik-Rosenkränzen, lauter Musik und wildem Getanze.

Von Wa aus gings weiter in den Norden Richtung Tumu, nachdem ich zuvor noch einen neuen persönlichen Highscore aufgestellt hatte: Vierzehn Mangos für 20 Pesewas, also nicht mal 10 Cent. Von dort wars noch ein kurzer Weg nach Gwollu, wo es vor allem die Reste einer alten Mauer zu bestaunen gab, die die Dorfbewohner vor ein bis zwei Jahrhunderten als Schutz gegen die Versklavung erbaut hatten. Dazu musste man aber erstmal den Chief um Erlaubnis fragen und eine kleine Spende machen (ich hatte zum Glück noch eine Packung Kekse dabei). Das war einerseits sehr bewegend, weil der Chief fast ein bisschen zeitzeugenmäßig über die Zeit der Sklaverei erzählt hat, aber andererseits dachte ich mir, besser wäre es, das Dorf würde von der Touristenattraktion profitieren und nicht nur der, der eh schon der Wohlhabendste im Ort ist. Darüber hinaus hatte Gwollu auch noch den angeblich größten Affenbrotbaum in Upper West (ich hab bisher auch noch keinen größeren gesehen) sowie einen Teich mit freilebenden Krokodilen zu bieten, welche vielerorts im Norden Ghanas als heilige Tiere angesehen werden.

Im Gegensatz zur ersten Reise hatte ich diesmal ein Zelt dabei, womit ich die Nacht kostenlos in einer sehr schönen Gästehausanlage in Tumu schlafen durfte, also die Leute dort waren zum Teil echt unglaublich freundlich und hilfsbereit. Die letzte Station im Norden war dann noch ein kleiner Naturschutzpark (Gbele Resource Reserve) auf dem Weg zurück nach Wa, wo ich einen ziemlich gechillten Tag verbracht habe. Das war schon witzig irgendwie, ich kam so gegen Mittag dort an, da saßen in dem Camp fünf oder sechs Männer rum, Guides und was noch alles, haben bisschen Radio gehört, sich was zu essen gemacht oder geschlafen, und zwei davon haben dann am Nachmittag eine Tour durch den Park mit mir gemacht. Schon ein ganz guter Job eigentlich, alle paar Tage mal einen Besucher rumführen und sonst dem Anschein nach nicht so sonderlich viel. Wir haben ein paar Paviane und Buschwild gesehen, allerdings nur von weitem, die Tiere dort waren naturgemäß wahnsinnig scheu. Ist zwar einerseits ein bisschen schade, dass ich hier bis auf die Krokodile noch nichts so wirklich gut gesehen habe, aber andererseits auch ein cooler Gedanke, dass das eben kein Zoo ist, wo man die Tiere aus zwei Metern durch Gitterstäbe betrachten kann, sondern die freie Wildbahn mitten in Afrika.

Der Weg zurück Richtung Kumasi hat deutlich mehr Zeit gekostet, als ich gedacht hatte, sodass ich letztendlich vorzeitig in Wenchi aus dem Trotro raus bin, um wenigstens noch das Ende von Real gegen Bayern zu sehen. Und es hat sich gelohnt: Ich kam etwa zur 60. Minute in so eine Art Hotelwohnzimmer, wo sieben ältere Männer das Spiel angeschaut haben. Statt dem Kommentar lief irgendein Kulturradiosender aus der Elfenbeinküste oder Burkina Faso, das heißt, zum Elfmeterschießen kamen sanfte afrikanisch-französische Chansons, was irgendwie eine ganz skurrile Stimmung erzeugt hat. Also ich werd das Spiel auf jeden Fall in Erinnerung behalten. Und ich freu mich natürlich schon aufs Finale, das ich dann wieder auf Großbildleinwand in Tanoso anschauen werde (mit passendem Kommentar und Halbzeitanalyse durch Sammy Kuffour und Bradley Carnell). Übrigens, Huber, Vale, Felix und Co., zu eurer Freude kann ich sagen, dass ich mich hier eh meistens als Bayernfan ausgebe, das ist in der Regel etwas unkomplizierter, als das mit FCA zu erklären.

Am Donnerstag auf dem Heimweg war ich dann auch noch in Sunyani, was mir gezeigt hat, dass Markt und Zentrum einer größeren Stadt nicht immer so hektisch und überfüllt sein müssen wie in Kumasi. Tatsächlich war ich jetzt ja schon an einigen Orten Ghanas, und bis jetzt war nirgendwo so ein Getümmel und Drunter und Drüber wie hier in Kumasi, also das ist denke ich schon einzigartig. Trotzdem ist die Straße von Denkyemuoso ins Zentrum interessanterweise mit die schlechteste, die ich hier bisher erlebt habe.

Nach einem Tag Pause zuhause ging es am Samstagmorgen schon wieder weiter in die Nähe von Akim Oda, wo die Beerdigung des Vaters von Milli, unserer Sekretärin, stattfand, für die ich mit noch drei anderen Lehrern die Delegation unserer Schule bildete. Dazu kann man sagen, dass eine Beerdigung hier in manchen Aspekten einer Beerdigung bei uns sehr nahe kommt und in anderen gar nicht. Die Gäste tragen alle schwarz, nahe Familienangehörige auch rot, darauf wird genauso viel Wert gelegt wie bei uns. Viel dreht sich ums Geld, ein prunkvoller Sarg muss gekauft und die Spesen bezahlt werden. Was ich allerdings schrecklich fand, es wurde laut übers Mikrofon verkündet, wie viel genau jeder Gast gespendet hatte, wofür dann von den Angehörigen im Gegenzug auch noch Spendenquittungen ausgestellt wurden. Auf dem Dorfplatz kamen alle zusammen, es wurde lautstark Musik gespielt, fröhlich getanzt und ausgelassen gefeiert. Naja, daran will ich nichts kritisieren, das ist eben eine andere Kultur und Tradition, wo mit manchen Dingen anders umgegangen wird, aber ich für meinen Teil kann mich dann doch eher mit etwas mehr Ernsthaftigkeit wie in Deutschland identifizieren. Allerdings wurde ich unter lautstarkem Jubel mit in den Trubel hineinbeordert, was dann ganz witzig war, weil die meisten Ghanaer dort genauso scheiße getanzt haben wie ich. Zum Teil sind sogar alte Omas auf der Tanzfläche richtig abgegangen, ziemlich verrückt. Zwei ältere Männer, die dem Anschein nach nicht zur Beerdigungsgesellschaft gehört haben, sind auch noch ziemlich wirr mit rumgelaufen und haben irgendwelche Selbstgespräche geführt, also das war alles in allem eine recht kuriose Veranstaltung. Verwunderlich fand ich auch, dass der Todestag bereits im Februar dieses Jahres war, und ich frag mich, wo der Leichnam solange aufbewahrt wurde. Aber vielleicht finden Beerdigungen hier ja eher als eine Art Abschluss der Trauerzeit statt (kurz: Beerdigung = Beendigung), ein paar Monate nach dem Tod, was die fröhliche Feier erklären würde. Hätte ich mal frage müssen.

Am nächsten Tag wollte ich eigentlich weiterreisen, aber weil Sonntag war, lag der Verkehr im Ort mehr oder weniger still. So war ich den ganzen Tag in dem Dorf, hab bei einer Freundin von Milli gewohnt und richtig mit den Einheimischen zusammen gelebt, Fufu gegessen, Wasser geholt und Verwandte im Dorf besucht, auch mal eine ganz interessante Erfahrung. Die Leute dort waren alle wahnsinnig gastfreundlich und haben sich ständig um mich gekümmert, was aber am Ende fast ein bisschen zu viel war, weil ich ziemlich fertig war und mich gerne einfach nur ein wenig ausgeruht hätte.

Am Montagmorgen bin ich dafür unverzüglich losgestartet Richtung Küste und hab mir erstmal Winneba angeschaut. War ja mein erster Besuch am Meer und richtig gut, ich hab mich echt wie im Urlaub in Italien oder Frankreich gefühlt: Ein kleiner pittoresker Bootshafen mit lebhaftem Fischmarkt, enge, verwundene Gassen, Salzwassergeruch in der Luft und eine laue Seebrise.

Am Nachmittag bin ich weiter in den nächsten Ort Apam, wofür ich mich mal wieder bei meinem Reisehandbuch bedanken muss: Meda ase! Man konnte dort nämlich für umgerechnet 3€ in einem alten Fort schlafen, das 1697 von den Holländern als Militärstützpunkt errichtet worden war (Fort Leydsaamsheid/Fort Patience). Auf einem kleinen Hügel über der Stadt gelegen boten der Wehrgang und mein Zimmer im obersten Stockwerk eine überragende Aussicht auf Ort und Hafen zur einen Seite bzw. offenes Meer zur anderen, was vor allem später während des Sonnenuntergangs die Möglichkeit für super Impressionen und Fotos lieferte. Auf dem Abendspaziergang wurde ich zuvor auch noch auf eine Runde Strandfußball zwischen Seilen und Fischerboten eingeladen, was den Besuch in Apam wirklich perfekt machte – wieder mal ein absoluter Höhepunkt der Zeit hier in Ghana. Cool war auch noch, im Dunkeln mit einer Öllampe bewaffnet vom Burgbrunnen Wasser zu holen und sich damit in einer neu eingebauten Badewanne abzuduschen. Nicht so cool war dagegen, am nächsten Morgen am Badestrand festzustellen, dass selbiger von den Einheimischen als öffentliche Toilette benutzt wird, mit fein säuberlich verteilten Häufchen rundherum.

Über Mankessim ging es schlussendlich zurück nach Kumasi, nachdem es dort noch einen sehr berühmten Schrein (posuban shrine, was auch immer das genau bedeuten mag) zu sehen gab. Konkret handelte es sich dabei um eine Art kleinen Turm mit allerlei lebensgroßen Mensch-, Tier- und Fantasiefiguren in bunten Farben, welche traditionelle Erzählungen und Sagen widergeben sollten – nur zu finden in der Fante-Kultur der Central Region und für Historiker teilweise ein Mysterium, da einige solcher Schreine anscheinend sonderbarste Dinge darstellen. Leider konnte ich die Szenerie nicht so ausführlich betrachten, da recht bald ein sogenannter Caretaker auf mich zukam, der mir eine Führung für absurde 20C und einen kurzen Wikipedia-Infoausdruck für 5C anbot (zum Vergleich: Eintritt, Übernachtung und Guides in Gbele kosteten zusammen 15C) – so wird’s leider nix mit blühendem Tourismus, liebe Ghanaer …

Gäbe noch tausende andere Kleinigkeiten zu erzählen, die das Leben hier so besonders und erlebnisreich machen, wie zum Beispiel, dass der Trotrofahrer auf dem Weg nach Kumasi plötzlich anhält und einem Jungen eine frisch erlegte Buschratte abkauft, die dann während der Fahrt neben dem Bremspedal deponiert wird, oder dass ein Ghanaer in Bole einen plötzlich in fast perfektem Deutsch anspricht und zu einem Bierchen einlädt. Aber ich denke, es ist an der Zeit, einen Punkt zu setzen: . Ich war unterwegs als Tourist, Abenteurer, Gast, Freund und Fremder, im hohen Norden und tiefen Süden, in allerlei Kulturen und Landschaftsräumen, unter exotischen Pflanzen und wilden Tieren, habe in einer Burg geschlafen und per Kanu Burkina Faso besucht, Durchfall erfolgreich mit Fufu bekämpft und unterm Strich an sieben von zehn Tagen kein fließendes Wasser gehabt, das muss reichen, um zufrieden etwas ruhigeren Zeiten in Denkyemuoso entgegenzustreben.

Nur eine Sache noch zu guter Letzt: Ich hab mir ja vor etwa zwei Wochen die Haare ratzekurz schneiden lassen, weiß nicht, ob sich das schon rumgesprochen hat. Ums kurz zu machen: Ich bin doch eher froh, dass Haare nachwachsen, aber die Leute hier freuen sich glaub ich echt, dass ich mir ne afrikanische Frisur hab machen lassen, und das ist ja die Hauptsache.

Ich hätte so viele interessante Fotos, ob nun ein Ausblick vom Moscheeturm in Wa, Fort Patience im Sonnenuntergang, ein frisch abgetrennter Stierkopf aufm Fleischmarkt oder meine neue Frisur, wobei die beiden letzteren wirklich eklig sind ;) , aber ich hab leider grad ständig Viren vom Internetcafé auf meinem Stick und irgendwie funktioniert grad alles nicht so toll. Ich hoff, ich kriegs irgendwann mal hin, aber momentan bin ich froh, dass wenigstens das mit dem Bericht hier klappt, und mit unbekannten Fotos im Gepäck freut ihr euch vielleicht wenigstens ein bisschen auf meine Rückkehr :) Nur noch vier Monate, ich hab schon Angst, ich schaff gar nicht mehr alles, was ich mir hier vorgenommen hab.

Also bis bald,

in treuster Verbundenheit und mit Tränen im Herzen, die eure Ferne beweinen, voll zärtlicher Gedanken an die liebliche Heimat und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht, die von keiner ach so großen Freude hier ausgelöscht werden kann … Laaangweilig!

Liebe Grüße an alle zukünftigen Championsleague-Sieger und Europameister,

Matze

Enten an den Wänden und Rastas aufm Kopf


Ist jetzt schon ein bisschen länger her, dass ich mich zu Wort gemeldet habe. Dafür gibts heute einen ausführlichen Bericht, zumindest so lange wie ich motiviert bin zu schreiben :)

Fast ist die Hälfte der Zeit um und ja, langsam bekomme ich Panik, dass mir meine restliche Zeit nicht reicht. Die letzten Wochen ist einfach so viel passiert und es gibt trotzdem noch genügend was ich sehen und erleben möchte!

Inzwischen sind meine Essensgelüste so gestiegen, dass ich mir letztens erstmal nen Chickenburger gegönnt habe, nur weil da eine Scheibe Käse drauf war. Auch wenn er trocken war und mir definitiv nicht geschmeckt hat, hab ich seitdem mehrere in Accra gegessen, ich bin eine schlechte Vegetarierin aber ich habs nicht mehr ausgehalten.. Und es ist fast unmöglich hier auf Fleisch zu verzichten, auch wenn einem immer gesagt wir, dass da natürlich kein Fleisch oder Fisch drin ist. Nachdem ich aber mehrere Fischköpfe oder undefinierbare Fleischstücke in meinem Essen gefunden habe, gebe ich es auf und esse drum herum.

Über den Kindergarten kann ich gerade nicht viel sagen, die letzten 3 Wochen waren Ferien, die Erzieher haben mir nach einem kleinen Unfall meine Haut mit ner Bastelschere abgeschnitten (keine Sorge, DANACH wurde sie desinfiziert) und seit 2 Tagen stehe ich vor geschlossenen Türen, obwohl der Unterricht schon gestern anfangen sollte! Ghanaische Arbeitsweise.. Aber anscheinend haben wir endlich fliessend Wasser, die zu großen Rohre wurden die letzte Woche durch kleinere ersetzt, was bedeuten würde, dass wir die Kleinen endlich waschen können und ich mal im Kindergarten aufs Klo kann! Ich glaube es aber erst, wenn ich es selber gesehen habe! Inzwischen haben wir auch eine dicke Ente und eine kleine dicke Eule an den Wänden, die Kinder freuen sich und es wird bunter :) Bilder kommen noch wenn ich es geschafft habe, alles fertig zu malen, dafür muss der KG aber erstmal öffnen.

Unsere Klasse hat sich auch vergrößert, wir haben jetzt ungefähr 40 Schüler, was definitiv zu viele sind! Ein Klassenraum steht noch leer und ich verstehe nicht, warum der nicht genutzt wird, wir sind 7 Lehrer für 3 Klassen, eine 4. würde vieles erleichtern! Erschreckend war auch zu sehen, wie viele Eltern am Ende vom letzten Term die “Kindergartengebühren” in Form von einer Packung Kreide (50 Cent), einer Klorolle (25 Cent) und einem Desinfektionsmittel (nochmal 50 Cent) nicht bezahlen konnten und ihre Kinder mit leeren Händen in den Kindergarten geschickt haben. Und das obwohl beide Elternteile arbeiten, meistens auch noch rund um die Uhr oder der Vater wegzieht um mehr Geld zu verdienen. Da manche Familien aber zu viele Kinder haben und diese nur sehr schwer versorgen können, bleibt die Bildung leider auf der Strecke. Ohne Kindergeld oder sonstigen finanziellen Unterstützungen bleibt alles an den Eltern hängen.

In der Senior High school fanden kurz vor den Ferien die Deutschtests statt. Nach zahlreichen Schummelversuchen mit Blättertauschen, versteckten Büchern und Unterhaltungen in Twi, halten trotzdem noch viele Eisbär Knut für unsere Bundeskanzlerin und ihren “roommate” bezeichnen sie als Raummatte. Und auch wenn viele im Test nicht gut abgeschnitten haben (was vielleicht auch daran lag, dass wir manche Schüler zum ersten mal gesehen haben. Ich frage mich, was sie die letzten 2 Monate gemacht haben), gibt es auch einige bei denen man merkt, dass sie sich wirklich Mühe gegeben haben, was sich auch gelohnt hat!

Karfreitag haben dann unsere Ferien angefangen und wir sind über das Osterwochenende nach Kokrobite an den Strand gefahren, uns am ersten Tag gleich einen schönen Sonnenbrand geholt und die restliche Zeit im Schatten verbracht! Mit Bleistift angemalte Eier und Schokocookies gabs auch, Collins (Ghanaer) war aber sehr irritiert als wir ihm gesagt haben, er muss seine Geschenke jetzt suchen. Nach 2 Tagen in Kumasi gings dann auch schon wieder los in den Norden, Affen füttern, den heiligen Hein besichtigen, bei den Kintampo falls schwimmen. Von Tamale gings dann in den Mole Park, wir hatten Glück und sahen 11 Elefanten, Antilopen, Krokodile, “Pumba” und viele andere Tiere auf unserer Safari zu Fuß und aufm Jeep. Nach 2 Tagen hatten wir alles gesehen und über Bolgatanga gings nach Paga, auf Krokodile setzen bis hin zur Grenze von Burkina Faso, wo wir auch kurz rübergelaufen sind um Fotos zu machen. Nach über 10 Stunden heimfahrt ohne Klima oder wenigstens Ventilatoren (wir dachten oft, bei der nächsten Vollbremsung schwimmen wir einfach vom Sitz) und meiner halben Vergiftung durch die Cashewschale und ihr toxisches Öl, sind wir endlich wieder in Kumasi angekommen, um gleich danach wieder nach Accra zu fahren. Über Accra gibts nicht viel zu sagen, außer dass es die Entspannendsten Tage seit langem waren! Wir durften netterweise in dem Haus einer Bekannten übernachten und nachdem man eher Bettwanzen, Stromausfall und Eimerdusche erwartet, war es wie im Paradies und wir haben es sehr genossen!

Langsam komme ich auch schon zum Ende, Hannah und ich haben uns gestern in einer spontanen Aktion Rastas flechten lassen, wenn man hier wohnt muss man es wenigstens einmal gemacht haben :) Nach 2.5 Stunden Höllenschmerzen war es endlich fertig, das Ergebnis ist gar nicht soooo schlimm wie erwartet aber 2 Packungen Extensions sind schwer.

Das wars erstmal von meiner Seite, so wie es aussieht hab ich heute wieder frei also such ich mir mal eine Beschäftigung, irgendjemand wird schon Hilfe brauchen.

Ganz ganz liebe Grüße!!

Im Westen viel Neues


Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Unter diesem Motto ging es für mich über Ostern in den Westen – fünf Tage geprägt von richtig guten Erlebnissen.
Es ging munter los am Karfreitag – der Herr möge es mir verzeihen – wo ich im Städtchen Wenchi Quartier schlug. Die meiste Zeit dort verbrachte ich allerdings auf der Suche nach selbigem, da die zwei billigeren Hotels aus meinem Reisehandbuch beide ausgebucht waren. So stand ich am Ende vor einer recht teuren Lodge (das heißt 45 Cedi (22€) für ein Zimmer, aber das sind hier halt dreißig Abendessen oder eine Trotrofahrt durch ganz Ghana und zurück) und hab schon mal die dümmsten Alternativen durchgedacht. Die Leute in der Lodge waren dann aber supernett, haben mir erstmal frische Mangos serviert und dann zu einem vierten Hotel gebracht und dort den Preis für mich auf 30C runtergehandelt. So viel Hilfsbereitschaft, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten, ist zwar auch hier in Ghana eher selten, aber doch häufiger als bei uns, denke ich. Glück im Unglück, Fazit: Vorher buchen oder Zelt kaufen.
Von der übrigen Zeit ging dann nochmal einiges beim verzweifelten und letztendlich erfolglosen Versuch drauf, im Internetcafé ein sechzehnsekündiges Video hochzuladen. Ansonsten hatte Wenchi schon mal viel davon zu bieten, was den Norden Ghanas vom Süden unterscheidet: Mehr Moscheen, mehr Fahrräder, mehr Kühe, und ich denke eine andere Lebensweise; einfacher, traditioneller und bescheidener. In Erinnerung bleibt mir ein Moment abends auf einem kleinen Platz – in der Mitte fußballspielende Kinder, drumherum eine Moschee, ein Ziegenstall, Palmen, darunter Großmütter mit Enkeln beim Kochen und Frauen mit Babys in traditionellen Gewändern beim Wasserholen, dazu der Gesang des Muhidzins – und ich konnte einfach nur ungestört dastehen und genießen und mich am Ende kurz und schmerzlos mit den Leuten unterhalten. Um neun im Hotelzimmer klopfts plötzlich an der Tür, ich mach vorsichtig auf und es kommt ein Typ rein, der mir nur seine Visitenkarte gegeben hat und gemeint hat, sie kümmern sich darum, dass es Fremden in Wenchi gut geht, bei Problemen soll ich ihn einfach anrufen, und ist wieder gegangen. Dubios, aber dabei ist es dann auch geblieben.
Samstagmorgen gings weiter in den Bui-Nationalpark, das ursprüngliche Hauptziel meiner Reise. Dort haben mich zwei Geschäftsleute aus den USA bzw. Indien auf ihrem Pickup mit durch den Park genommen, ein ziemlicher Glücksfall. Die angepriesenen Nilpferde im Volta haben wir zwar nicht gesehen, dafür aber eine artenreiche Savannenlandschaft, traditionelle Fischer und den Staudamm, der dort gerade von einer chinesischen Firma gebaut wird und ab nächstem Jahr zwanzig Prozent des Energieverbrauchs Ghanas liefern wird, sehr beeindruckend. Leider wird der Stausee große Teile des Parks fluten und wohl die Nilpferde vertreiben. So hat auch diese Seite zwei Medaillen (Rudi Völler, glaub ich). Auf einem nahegelegenen Hügel, von dem aus man in schier endlose Weiten blicken konnte, hab ich mir den Sonnenuntergang angeschaut und gedacht, besser gehts eigentlich nicht – doch zu früh gefreut, am Montag kams noch doller.
Zunächst bin ich jedoch am nächsten Morgen mit dem Parkguide hinten aufm Moped ins nächste Dorf gefahren, Banda Nkwanta, wo ich aufs Dach einer sehr bekannten alten Moschee in Lehmbauweise steigen durfte. Unterwegs wurden wir von einem Polizisten angehalten, der recht humorlos meine Tasche und Kamera durchschaute, wohl bezüglich diskreten Informationen über den Damm, aber bis zu den Fotos ist er zum Glück nicht vorgestoßen. Wir haben zwar alles mit offizieller Führung durch einen der Ingenieure gemacht, aber hätte womöglich trotzdem Probleme gegeben. Man kommt sich schon immer ein bisschen vor wie in einem schlechten Film, weil die Polizisten hier alle mit schweren Geräten auf dem Rücken rumlaufen, aber bis auf den einen waren bis jetzt alle recht freundlich. Die zweite Station des Tages war dann Kintampo, wo es zum einen den offiziellen Mittelpunkt Ghanas (laut dortiger Inschrift zugleich das Zentrum des Universums) und zum anderen sehr berühmte Wasserfälle zu bestaunen gab, unter denen man sich erfrischend abduschen konnte, auch wenn mein halbnackter Obruni-Astralkörper leider eine ziemliche Attraktion darstellte ;)
Das unerwartete Highlight der Reise kam dann wie gesagt am Ostermontag. Nachdem ich zwischenzeitig pleite war und das Geldabheben einige Zeit und Umwege gekostet hatte, wollte ich eigentlich nur noch kurz im als sehr schön beschriebenen Benediktinerkloster Kristo Buase nahe Techiman vorbeischauen. Sehr schön war dann allerdings so dermaßen untertrieben, dass ich spontan noch eine Nacht dort dranhängte. Das Kloster lag, durch schattige Obstwälder und wilde Feuchtsavanne abgeschieden vom Rest der Welt, zwischen canyonartigen Felsen und prächtigen Gärten – ein Paradies auf Erden, eine Oase der Ruhe. Oder, ums etwas zeitgemäßer und dennoch religionsnah auszudrücken: Holy shit, göttliche Scheiße! Die Felsen boten eine noch herrlichere Aussicht als der Hügel in Bui, die Natur war noch vielseitiger und in den Klostergärten konnte man zum Beispiel reife Sternfrucht vom Baum pflücken und essen. Auch als Kurzzeitbesucher wurde ich gleich eingegliedert in das Leben der Mönche, unter denen auch zwei Weiße aus Schottland waren. Das heißt alle paar Stunden gemeinsames Gebet, Andacht oder Gottesdienst, was ich für den einen Tag als wirklich gute und einzigartige Erfahrung aufgenommen habe – hätte ich nicht gedacht, aber nach einem komischen Gefühl am Anfang hab ich das Beten und Singen am Ende eigentlich als relativ angenehm empfunden. Und ich hab fernab der Heimat doch noch auf ganz eigene Weise Ostern gefeiert.
Keine Angst, der eine Tag hat mir schon gereicht; soweit ich jetzt sehen kann, würde ich nie ein Leben lang ins Kloster gehen. Aber ich denke, die Zeit hier in Ghana hat mir die Selbstständigkeit und Offenheit gebracht, neue und ungewöhnliche Dinge einfach mal auszuprobieren – ins Kloster zu gehen, alleine durch ein fremdes Land zu reisen ohne einen festen Plan in der Tasche, jedes noch so seltsame Essen zumindest zu probieren, neue Kulturen kennenzulernen (ghanaisch-amerikanisch-indisch-schottisch-deutsch in fünf Tagen), sich womöglich bald die Haare radikal abschneiden zu lassen und so weiter, und dafür bin ich schon jetzt dankbar. Denn wer kann schon von sich sagen, einen Tag in einem afrikanischen Kloster gelebt zu haben.
Aus Kristo Buase in den örtlichen Trubel zurückzukehren, war dann fast so, wie aus einem Traum aufzuwachen. Plötzlich wieder hupende Autos, laute Musik, aufdringliche Verkäufer, enge, schmutzige Gassen, Obruni-Zurufe von allen Seiten – aber letztendlich eben die Rückkehr in den ghanaischen Alltag, den ich hier zu schätzen und lieben gelernt habe, und der – auch wenn man es sich manchmal erst wieder neu bewusst machen muss – einfach immer noch die größte Faszination von allem ist.
Ein sehr sonderbares Déjà-vu ganz zum Schluss bot die Ankunft in Denkyemuoso: Stromausfall, das ganze Dorf stockdunkel, überall unklare Gestalten, ich selbst verschwitzt, müde, hungrig und erschöpft von einer langen Reise, aber glücklich, angekommen zu sein – genau wie in der allerersten Nacht hier.
Viele von euch werden sich wahrscheinlich fragen, warum ich hier so viel alleine unternehme. Es wäre sicherlich etwas anderes, zu zweit oder in einer Gruppe zu reisen – vielleicht manchmal angenehmer, einfacher, ausgelassener, und ich glaube, nicht viele würden es so machen wie ich. Aber wenn ich so von den Shopping-, Strand- und Partyurlauben anderer Volunteers höre, denke ich mir, das ist nicht das, wofür ich persönlich nach Ghana gekommen bin. Ich freue mich jetzt schon wieder ein klein wenig auf gemeinsame Abende mit euch zurück in Deutschland und ich werde auch hier sicherlich nicht als Eremit leben, aber ich denke, ab und zu bietet das eigenständige Reisen doch die besten Möglichkeiten, seine Wünsche zu erfüllen. Suum cuique, wie der alte Lateiner zu sagen pflegt. Und so ganz alleine ist man hier eh nie, egal ob man nun ghanaische Touristenhelfer, indische Geschäftsleute oder schottische Mönche um sich hat.
Genug der Worte, liebe Grüße nach Deutschland, viel Spaß, Glück und Erfolg bei was auch immer ihr gerade macht und vorhabt! Ich hoffe, ihr hattet schöne Osterfeiertage, habt alle Eier gefunden und euch gehts genauso gut wie mir! Meine Ferien gehen jetzt eigentlich erst richtig los, mal sehen, wohin mich meine neu gewonnene Abenteuerlust treibt ;)
Machts gut,
Matze

PS: Noch eine Anmerkung zum letzten Bericht: Ich hoffe, es kam nicht so rüber, als wäre ich hier in Denkyemuoso am Verzweifeln und würde am liebsten zurückwollen – im Gegenteil. Natürlich sind manche Sachen anders und schwierig für mich, aber mein Wunsch und Ziel war und ist es immer noch, Afrika so kennenzulernen, wie es wirklich ist, und genau das tue ich gerade. Ich bin ja nicht hierher gekommen, um das Paradies auf Erden zu finden (auch wenn mir das in Kristo Buase zufällig geglückt ist), sondern um den Alltag zu erleben und mich Problemen zu stellen. Deswegen finde ich es auch weiterhin einfach nur fantastisch, dass ich in dem, was lange Zeit so fern schien, jetzt doch mittendrin bin. Ein Alltag voller Erfahrungen und Reisen voller Erlebnisse, was will man mehr.

So, das war der Bericht, wie ich ihn eigentlich gestern hochladen wollte. Blöderweise kam dann noch ein kurzer Krankenhausbesuch dazwischen (Verdacht auf Malaria und ich nehm jetzt auch die Medikamente, aber so ganz glauben kann ichs eigentlich nicht, dafür fühl ich mich zu gut). Alles halb so wild, muss man auch mal erlebt haben.
Also nochmal schöne Grüße und bis bald :)

Gedankenspiele


Hallo Leute,
schon mehr als einen Monat bin ich jetzt hier in Denkyemuoso. Die Zeit bisher ist einfach nur wahnsinnig schnell vergangen, weil ich in den ersten Wochen hier so viel Neues, Interessantes und Aufregendes gesehen hab, aber wenn unter der Woche morgens der Wecker klingelt, fühlt sich der Alltag doch schon fast so normal an wie zuhause in Deutschland.
Das Unterrichten in der Grundschule ist in letzter Zeit leider vor allem von ernüchternden Erkenntnissen geprägt:
Zum ersten hab ichs jetzt leider auch erlebt, dass Schüler richtig geschlagen wurden. Das war zum Beispiel, als mehrere Leute ziemlich zu spät kamen, oder als die Schüler Wörter in Englisch buchstabieren sollten und nicht konnten, da bekam dann jeder „Schuldige“ einige recht heftige Hiebe auf Rücken oder Schultern. Die Schüler waren zwar beim Buchstabieren echt erschreckend schlecht (dazu gleich mehr), aber gerade da denk ich nicht, dass man mit der Rute viel bewirken kann. Das Ziel sollte ja eigentlich sein, den Schülern beizubringen, dass Lernen extrem wichtig ist, aber auch Spaß machen kann, und so verkommt es zu stupider Zwangsarbeit. Ich hab nicht das Gefühl, dass das Geschlagenwerden die Schüler besonders fertig macht oder verstört, das ist hier eher wie bei uns eine strenge Ermahnung, sie schauen kurz betroffen und machen dann weiter Blödsinn. Aber gerade darin liegt ja eigentlich das Problem, dass Schlagen und Geschlagenwerden hier eben als etwas Natürliches gesehen werden und so von Generation zu Generation weitergetragen werden. Deswegen hoff ich, dass ich der Lehrerin, aber besonders auch den Kindern zumindest ein wenig zeigen kann, dass man mit anderen Methoden als Schlagen mehr Spaß und Erfolg haben kann.
Das zweite Problem ist, dass die Schüler zum Großteil einfach kein Englisch können. Am Anfang dachte ich ja noch, vielleicht liegts an meiner Aussprache, vielleicht müssen sie sich erstmal an den neuen Unterricht gewöhnen und sind noch etwas zurückhaltend und unsicher. Letztendlich musste ich aber leider feststellen, dass sie, auch wenn ich einfachste Aufgaben eins zu eins aus dem Buch an die Tafel schreib (Look at the bar graph: What is the smallest mass? What is the greatest mass?, so in der Art) größtenteils nicht wissen, was sie machen sollen, geschweige denn, dass jemand einen korrekten Antwortsatz auf Englisch schreiben könnte. Bei der erwähnten Buchstabierübung hats eben auch zehn erfolglose Ansätze gebraucht, bis der elfte Schüler mal ‚money‘ oder ein Wort in der Art richtig buchstabiert hat. Letztens bei einer Übung in Mathe hat ein Schüler schon drei Versuche benötigt, bis er mal seinen Namen richtig an die Tafel geschrieben hatte. Und das ist halt schon deprimierend irgendwie, den Unterricht zu halten und zu wissen, dass einem vielleicht fünf von vierzig Schülern so richtig folgen können. Für das Leben hier brauchen die Schüler zwar eigentlich kein Englisch, muss man dazusagen, weil sich die Leute im Alltag eh auf Twi unterhalten, aber trotzdem: Die Schulbücher, Zeitungen, Fernsehsendungen usw. sind auf Englisch und die Schüler, die die Schule hier besuchen, sollen ja eigentlich später mal nen besseren Beruf erlernen können, wozu Englisch einfach grundlegend ist. Da find ichs dann schon hart, wenn in einer sechsten Klasse in einem Land mit Amtssprache Englisch kaum jemand richtig Englisch kann.
Der dritte Punkt ist, dass ich doch immer mehr ins Nachdenken komme (verbunden mit Entsetzen und Enttäuschung), je mehr ich die Unterrichtsmethoden und Kompetenzen der Klassenlehrerin so miterlebe. Nächste Woche stehen hier die Zwischenprüfungen an und ich sollte mal die Matheaufgaben durchschauen, da musste ich dann erstmal die Netze von Würfel und Kegel richtig hinzeichnen. Die letzten Stunden bestanden aus einer „Revision“ für die Exams, welche folgendermaßen aussah: Die Lehrerin hat sich vorne hingesetzt, die Prüfungsbögen ausgepackt und schonmal eins zu eins die Fragen vorgelesen und beantworten lassen, die dann nächste Woche in den Prüfungen drankommen. Das war umso erstaunlicher, da es sich eigentlich hauptsächlich um Multiple-Choice-Fragen einfachster Art handelte, z.B. in Kunst: Which colour do you get, if you mix red and yellow? – a) grey b) pink c) orange d) green. Der dritte Schüler, der aufgerufen wurde, wusste dann immerhin die richtige Antwort. Also da saß ich hinten drin und hab mir nur gedacht, das kann doch echt nicht wahr sein. Die kleinen Kindergartenkinder hier sind zum Teil richtig clever und selbstständiger als bei uns, das macht einen wirklich bedrückt, wenn man sieht, wie sehr dann in der Schule durch Eintrichtern und Auswendiglernen Potenzial kaputt gemacht wird in einem Land, das gute Ingenieure und Wissenschaftler bitter nötig hätte.
So bin ich insgesamt grad ziemlich hin- und hergerissen, was das Unterrichten in der Grundschule betrifft. Einerseits denk ich mir, was hat es für einen Sinn, wenn ich vorne steh und rede und keiner versteht mich, und die Lehrerin sitzt hinten drin und schaut zu. Wärs nicht besser, irgendwo anders zu helfen? Andererseits denk ich mir, bei der Lehrerin lernen vierzig Leute irgendwas auswendig, ohne dass einer danach irgendwas davon anwenden oder weiterführen könnte, bekommen falsche geometrische Formen vorgesetzt und werden geschlagen, wenn sie etwas nicht wissen. Da ist es vielleicht dann doch besser, wenn ich zumindest einem Teil der Schüler mehr Eigeninitiative und Selbstständigkeit antrainieren und den guten Schülern, die es ohne Zweifel gibt, wirklich etwas beibringen kann. Positiv kann ich vermerken, dass ich mittlerweile so ziemlich alle Namen kann, und ich glaub, einige Schüler schätzen das auch schon, dass sie jetzt mal einen anderen Unterricht bekommen. Am Montagmorgen hab ich mal etwas bisschen Religiös-Besinnlicheres probiert, bin mit den Schülern rausgegangen, wir haben uns im Kreis um einen Baum aufgestellt, mal für einen Moment die Augen geschlossen und ich hab eine Schülerin ein Stück Brot an alle verteilen lassen. Ich hab mir gedacht, dass die mal bisschen zur Ruhe kommen, sich nicht ständig angehen und es mal nicht um Lernen und Gehorsam geht. Am Ende wollte ich gemeinsam ein kurzes Gebet sprechen, da ist mir dann leider die Lehrerin zuvorgekommen und hat einen Schüler strammstehen und vorbeten lassen, fand ich nicht so toll. Naja, insgesamt glaub ich, die meisten wussten noch nicht so recht, wie sie das aufnehmen sollen, aber vielleicht versuch ichs in Zukunft nochmal wieder.
Für meine Deutschkurse musste ich die Woche Examensprüfungen zusammenstellen und ich muss sagen, das hat mir ziemlich Spaß gemacht, sich passende Fragen und Aufgaben zu überlegen. Es sind zwar in jedem Kurs nur ein paar Schüler, die den Unterricht wirklich ernst nehmen, die anderen erscheinen meistens gar nicht zu den Stunden am Nachmittag, aber vielleicht ändert sich das ja nach einigen vernichtenden Nullingern in den Prüfungen ;)
Ansonsten zum Schulleben: Letzte Woche war so eine Art Jugend-debattiert-Wettbewerb an unserer Schule, zwei Vertreter von uns gegen zwei von einer Nachbarschule. War eine recht interessante Veranstaltung, es war sogar irgendein Parlamentsabgeordneter zu Gast. Unserer zwei Sprecher haben gewonnen und danach gings ordentlich ab in der Halle, ein paar Lehrer mittendrin im Geschehen.
Außerdem hab ich mal den sonntäglichen Schulgottesdienst besucht, was dadurch ganz interessant war, dass ein Schüler anstelle des nicht erschienen Pfarrers die Messe hielt und Schüler aller möglichen Glaubensrichtungen anwesend waren. Hab leider vom Twi nicht so viel verstanden, aber ab und zu werd mich wohl mal wieder dazugesellen. Über die Rolle von Glauben und Religion hier schreib ich wenn dann mal an eigener Stelle.
Das absolute Highlight der letzten Tage war zweifellos ein Besuch im Owabi Wildlife Sanctuary letztes Wochenende. So ein kleines Naturreservoir mit Stausee, Urwald und viel Ruhe nicht weit von uns entfernt. Wir sind zu dritt hingefahren mit noch einem Volunteer aus Tanoso und haben eine Nacht dort wunderbar gezeltet. Ein Führer hat uns durch die Landschaft um den Stausee geführt, durch Dschungel, Bambus, Bananenplantagen, Wiesen und Sümpfe, meist mit einem einzigartigen Vogelgezwitscher und interessanten Düften um uns herum. Am beeindruckendsten fand ich, auf so großen Rohren, durch die Kumasi mit Wasser versorgt wird, über eine riesige Fläche voll mit Farnen zu laufen, eingebettet zwischen Urwald und Stausee, und wie an einer Schnur durch die Ungewissheit dieser Abenteuerlandschaft gezogen zu werden. Am Abend hab ich mich dann noch allein auf den Staudamm gesetzt (aufgemerkt, jetzt wird’s noch poetischer), der See hat im Dunkeln magisch geglitzert und eine wohltuende Brise hat mir ins Gesicht geblasen, begleitet vom Zirpen der Grillen, Quaken der Frösche und Rauschen des Wasserfalls. Auf den Tag genau ein Monat nach meiner Ankunft in Ghana war vergangen. Ich hab an Zuhause gedacht, an die liebe Familie und an diejenigen von euch, die sich zu gleicher Zeit auf Jans Feier vergnügt haben. Aber ich hab mir auch gedacht, die Zeit hier vergeht so schnell, was sind schon ein paar verpasste Feiern im Vergleich zu dem Ort, an dem ich mich gerade befinde. Und ich war richtig froh, den Schritt hierher gewagt zu haben. Auch deshalb, weil ich gemerkt hab, dass ich meine Familie, Verwandten und Freunde noch mehr schätze, seit ich sie vermisse.
Abrupter Bruch, zurück zum Alltag:
Was ich schon länger mal erwähnen wollte, weil es mich hier schon sehr beschäftigt, ist die Verschmutzung und Zerstörung von Natur und Umwelt, wie sie hier, wenn man sich nicht gerade in Owabi befindet, allgegenwärtig ist. Allein im unmittelbaren Umkreis der Schule gibts einen kleineren und einen richtig großen Berg aus Plastikmüll und sonstigem Unrat, die in regelmäßigen Abständen einfach abgefackelt werden. Auch sonst ist die Landschaft in der Regel mehr oder weniger übersät mit Müll, vor allem mit den kleinen schwarzen Tüten, die man bei jedem Einkauf bekommt, und mit den durchsichtigen Tüten, in denens das Trinkwasser gibt. Auch Batterien, Rasierklingen, alte Medikamente und sowas werden einfach irgendwo ins Gebüsch oder in die Wiese geworfen. Spül- und Waschwasser werden an Ort und Stelle ausgekippt, sodass sich auf oder neben den Sandstraßen überall kleinere und größere Rinnen gebildet haben, in denen dann zum Teil richtig ekliges giftgrünes Schmutzwasser zusammen mit allerlei rumschwimmendem Abfall in die nächste Senke fließt. Von dem Dreck und Müll, der rumliegt, ernähren sich die Ziegen, Hühner und anderen Tiere auf der Straße, von denen man dann (ich versuchs nicht zu oft zu tun) Fleisch und Eier isst, keine so tolle Vorstellung. Wenn nicht das Bread and Egg so unglaublich lecker wäre …
Das Problem ist, dass ich nicht weiß, wie ich es groß anders machen kann als die Leute hier. Ich schütt mein Seifenwasser in die Dusche in der Hoffnung, dass es so in irgendeine Kläranlage kommt, aber so sicher bin ich mir da auch nicht. Zur Müllentsorgung bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als die Müllberge zu vergrößern, weil man auf Fragen, wo man denn seinen Müll sonst hinbringen kann, keine andere Antwort bekommt. Die Leute lachen schon immer, wenn ich wieder mit meiner Stofftasche zum Einkaufen ins Dorf lauf. Wenn man sagt, man möchte keine Plastiktüte, oder auch das Ganze noch durch Gestik und Mimik untermalt, schauen einen die Verkäufer meist an wie einen Wahnsinnigen, auch die, bei denen man glauben könnte, sie haben zumindest den Inhalt der Bitte verstanden. Ich reiß ihnen dann manchmal einfach freundlich das Zeug aus der Hand und stecks in meine Tasche, das begrüßen sie dann in der Regel doch, denk ich (sparen sich ja auch ne Tüte) . Das ist echt schlimm, dass die Leute hier größtenteils überhaupt kein Bewusstsein für Umweltschutz haben. Man bekommt zum Teil alles einzeln und dreimal verpackt (in einem Pack Klopapier ist zum Beispiel jede Rolle nochmal einzeln eingeschweißt), Margarine und Tomatenmark gibts (nicht nur, aber auch) in winzigen 50g(oder so)-Schachteln bzw. -Dosen, statt wechselbaren Klingen gibt’s vor allem Einwegrasierer, und wenn die Berufsschüler zum Duschen gehen (der Waschraum ist gleich neben unseren Zimmern), hört sich das meistens nach fröhlicher Schaumparty an.
Positiv ist, dass zumindest Gläser und Dosen eigentlich kaum weggeschmissen werden, sondern als Aufbewahrungsbehälter oder so aufgehoben werden. Außerdem muss man natürlich sagen, dass ein Einkauf auf dem Markt hier immer noch deutlich weniger Müll produziert als ein Einkauf bei uns im Supermarkt. Zum Wäschewaschen, Körperwaschen und Spülen gibts halt zum Beispiel normalerweise ein Stück Seife und nicht tausend verschiedene Behälter Wasch-, Dusch und Spülmittel. Allerdings steigen natürlich auch hier die Ansprüche nach mehr Komfort, immer mehr importierte „Supermarktartikel“ werden verkauft, mehr Leute können sich ein eigenes Auto leisten, die Reichen bauen sich einen Pool in den Garten usw.
Einerseits freut man sich natürlich, wenn der Standard hier steigt, aber andererseits, wenn man an das hohe Bevölkerungswachstum in Afrika und dann an die Umwelt denkt, kommt man schon auch sehr ins Nachdenken. Schmutzige Gewässer, verödete Landstriche, Müllberge, die Luft voller Staub und Abgase und dazwischen überall Kinder über Kinder, die meisten ohne ausreichende Bildung, aber alle mit großen Wünschen und Bedürfnissen. Schon jetzt denk ich mir jedesmal, wenn wir nach Kumasi ins Zentrum fahren, die Stadt platzt einfach nur vor Menschen, Waren und Fahrzeugen. Und man fragt sich, wie unsere liebe Erde das in Zukunft nur aushalten soll, grade wenn man bedenkt, dass es an vielen Orten auf der Welt ja noch schlimmer ist als in Ghana.
Naja, genug davon, ein wenig übertrieben hab ich wohl doch, wo ichs mir jetzt so zum zweiten Mal durchlese. Keine Angst, ich ersticke nicht in Müllbergen.
Afrika hat seinen eigenen Rhythmus, die Menschen hier leben anders, aber ich denke zufrieden, und wer weiß, was die Zukunft Glorreiches für uns bereithält :)
In diesem Sinne sei‘s genug. Ihr merkt, der ganze Bericht dreht sich nur ums Nachdenken, aber das nicht ganz zu unrecht. Ich mach mir hier echt, noch viel intensiver als davor, über alles Mögliche meine Gedanken, über die Zukunft, über meine Aufgaben, über Mensch und Natur, über Glauben, über Ziele und Wünsche und zuletzt darüber, was ich studieren soll, wenn ich zurückkomm, wobei nach diesem Bericht wohl Philosophie angebracht wäre. Mal schauen, Landschaftarchitektur klingt ganz gut eigentlich, dann könnte ich der Umwelt mal was Gutes tun.
Also bis zum nächsten Mal, und ich sags gleich: Wer denkt, so langsam müssten mir doch mal die Themen ausgehen, der hat sich getäuscht. Außerdem haben wir bald Ferien und ich hoffe, dass da dann wieder einige spannende Erlebnisse hinzukommen.
Relativ liebe Grüße ;)
Matze

So jetzt ist es …


So jetzt ist es schon über 3 Wochen her, dass ich deutschen Boden unter den Füßen hatte und wenn ich bedenke, dass ich schon 1/6 meiner Zeit hier bin, verging die Zeit echt schnell! Sehr viel ist seit meinem letzten Post zwar nicht passiert aber ein paar Kleinigkeiten gibt es trotzdem zu berichten.

Die Sache mit dem Haustier zum Beispiel erweist sich leider als schwerer als erwartet. Die Idee mit dem kleinen Affen an der Leine hab ich jetzt verworfen, worüber wahrscheinlich viele froh sind (ja ich hab eingesehen dass es wohl Tierquälerei ist und wenn die kleinen Kinder in meinen Haaren rumwuscheln und auf mir rumklettern reicht mir das vollkommen). Aber auch kleine Babykatzen sind schwerer zu fangen als gedacht. Anscheinend stehen sie nicht darauf, wenn man Nudeln oder fried jam nach ihnen wirft und es interessiert sie auch relativ wenig wenn man 2 Stunden bei 40° mit nem Fischkopf vor ihnen aufm Boden liegt. Aber ich geb nicht auf, schließlich kann ich noch über 5 Monate mit Fischköpfen rumliegen.

Im Kindergarten gibt’s eigentlich nicht viel neues, die Kinder verstehen mich meistens immernoch nicht (oder wollen es nicht) und mit meinen Paar Wörtern Twi komme ich auch nicht weit. Aber ich freue mich trotzdem jeden Tag über Kleinigkeiten. Als ich zum Beispiel darum gebeten habe, die Kinder wenigstens nicht mehr auf den Kopf zu schlagen, mussten ein Paar zwar ihre Pause kniend im Klassenzimmer verbringen (nachdem sie unsere gerade gepflanzten Pflanzen wieder herausgerissen haben..) aber damit kann ich umgehen. Weitere kleine Zwischenfälle, was vor allem die Toilettensituation im Kindergarten betrifft, erspare ich euch lieber. Es ist nur klar, dass hier dringend fließend Wasser benötigt wird..

Hinter die Tricks der Kleinen komm ich auch langsam. Letztes mal war ich mir auch sicher, dass ich jemandem schon Kreide gegeben habe. Natürlich bekommt er aber noch eins, wenn ich beim Durchsuchen nichts finde. Die Reaktion darauf war allgemeines Lachen, während er 2 Kreidestücke ausspuckt und wegrennt.

Trotzdem muss ich sagen dass ich schon einige sehr gerne hab (vielleicht auch wegen solcher kleinen Aktionen) und auch glücklich bin, noch viel Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen und alleine Unterrichten klappt im Kindergarten trotz mancher Verständigungsprobleme sehr gut! In der Senior High school schreiben wir dafür nächste Woche unseren ersten Test und ich bin schon gespannt wie der ausfallen wird!

Eine kleine Geschichte noch zum Schluss, dann hör ich auch schon wieder auf. Heute wurde ich nämlich zum ersten mal beklaut, als mir im Trotro meine Einkaufstüte vom Schoß gerissen wurde. Und auch wenn nur meine „laughing cow“ Eckerlkäs Tüte weggekommen ist, hätte ich ihm in dem Moment wahrscheinlich lieber mein Handy hinterher geworfen (Käse ist hier eher Mangelware..). Also geht’s morgen nochmal los, 45 Minuten alleine für den Hinweg. Wenn mir mal jemand in München gesagt hätte, dass ich eineinhalb Stunden für Schmelzkäse fahren würde, hätte ich ihm nen Vogel gezeigt. Also gibt’s heute Abend nur Kekse, dieses mal aber ohne Ameisen! Man lernt dazu, wenn eine Woche davor der letzte deutsche Keks von Ameisen übersät vor einem liegt, weil man vergessen hat, ihn in die Gefriertruhe zu legen (mein Kühlschrank besteht eher aus einer großen Gefriertruhe und da ich nicht so handwerklich geschickt bin das zu reparieren, verzichte ich lieber ab und zu auf mein Frühstück, da ich mit meinem gefrorenen Obst eher den Schmelzkäsedieb erschlagen könnte). Und auch wenn es schwer verständlich ist dass ich schon nach 2 Wochen deutsches Essen vermisst habe, in diesem Moment hatte ich Hunger und die Ameisen waren klein.

Das wars jetzt für heute von meiner Seite, liebe Grüße nach München und ihr wisst ihr fehlt mir <3